Freitag, 11. Januar 2008

Ein Altnazi auf Abwegen

Der hessische Landeswahlkampf scheint sich ja ganz interessant zu entwickeln. Zumindest um Längen interessanter als Jürgen Klinsmann nächstes Heimspiel. Jeder kennt ihn, nicht jeder mag ihn, aber für die meisten Abiturienten ist er ein Begriff: Günter Grass.

Die Bundes-SPD hat sich wieder ihrer alten Werte besonnen und dem im letzten Jahr in Ungnade gefallenen Altnazi wieder in ihrem Wahlkampf gegen den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch reaktiviert - oder reanimiert? Ich weiß es nicht. Ausschlaggebend waren für mich folgende Worte von Herrn Grass, wie man sie unter anderem in der Welt, der SZ und auch im Focus vorfand:

Literaturnobelpreisträger Günter Grass bezeichnete neben Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) auch Linkspartei-Chef Oskar Lafontaine als Demagogen. „In einer Zeit, in der die Demagogen meinen, ihre Stunde habe wieder geschlagen, muss man schon ein kräftiges Wort einlegen, ob es nun Herr Koch in Hessen ist oder Lafontaine auf der anderen Seite“
Meine Mutter sagte früher immer zu mir, man solle die Hand nicht beißen, die einen füttere. Nun stellt sich mir die Frage, wie man dieses Verhalten dieses bekennenden Altnazis (der absolut nicht bereit war, auch nur einen Bruchteil der Kriegsschuld in seinem Zwiebelbuch auf sich zu nehmen, anders als einige andere Kollegen aus der Branche) werten soll? Soll man Günter Grass nun das politische Ablaßschreiben in die Hand drücken und ihn einen Hüter und Bewahrer der Demokratie nennen? Oder sollte man sich getrauen, das Kind beim Namen zu nennen?

Zweiteres wäre bedeutend fataler auch für die rote Tante Sozialdemokratie. Heute morgen laberte also Günter Grass in der Fraktion der SPD herum und bekam sogar für seinen Spruch Standing Ovationes. Hier stellt sich mir die Frage: Wie weit rechts ist die SPD schon angekommen? Wie weit rechts, im Populismus, hat sie sich schon etabliert, wenn es um solche Fragen wie Jugendkriminalität auf Kosten des deutschen Bürgers geht?

Unstreitig ist, und dies mußten sogar mittlerweile die Grünen anerkennen, das Ministerpräsident Roland Koch mit seinen Aussagen Recht hat. Und das der Überfall kurz vor Weihnachten in der münchner U-Bahn nur die Spitze des Eisberges ist. Klar, in Hessen hat die CDU eindeutig geschlampt, was die Prävention angeht. Das steht auch außer Frage. Aber nun sollte man als SPD auch bereit sein, die eigene Parteilinie in Frage zu stellen, wenn man einen Altnazi holen muß, um einen angeblichen Demagogen fertig zu machen.

Das hier gleichzeitig auch noch Oskar Lafontaine mit fertiliziert werden sollte, von Seitens Günter Grass' aus, kann man sogar nachvollziehen, wenn man bedenkt, das die beiden so etwas wie eine Haßfreundschaft verbindet und Lafontaine seiner Zeit wirklich froh war den Literaturnobelpreisträger in der Partei los zu sein. Zwar ist Günter Grass nach wie vor ein Aushängeschild für bestimmte Geisteshaltungen in der SPD (vor allem für jene Geisteshaltungen, die eigentlich nicht sozialdemokratischen Ursprungs sind), doch das Grass nun gezwungen ist, auf landespolitischer Ebene im Wahlkampf mitzuwirken (auch wenn er es von Berlin aus tut), zeigt eindeutig, welchen Stellenwert ihm Kurt Beck (Bundesparteichef der SPD) wirklich zugesteht. Und damit liegt Günter Grass mit seinen altbackenen Ansichten noch weit hinter Andrea Ypsilanti.

Der wahre Skandal hierbei ist nun nicht, das Günter Grass von Roland Koch und Oskar Lafontaine als Demagogen sprach. Über solches Herumgeeiere würde ich mich niemals in dieser Form aufregen. Sondern weil Grass, als bekennender und nicht ent-nazi-fizierter Literaturnobelpreisträger mit einem Wortgebilde um sich wirft, wie man es aus den alten NSDAP-Tagen nur zu gut kennt. Auch die Nazis bezeichneten Kommunisten als Demagogen und Ideenstehler (wiewohl sie selbst sich mit den Ideen bei den Kommunisten und bei der Sozialdemokratie bedienten). Doch die LINKE ist keine kommunistische, sondern eine sozialistische Partei. Wer hierbei den Unterschied, und dies sogar als Nobelpreisträger, nicht kennt, begibt sich auf die Seite der sozialdemokratischen Lobbyisten. Und zeigt einmal mehr sein eigenes, braunes Gedankengut.

Heißt es jetzt zukünftig bei der SPD: 'Sieg Heil!' Diese Frage muß man sich stellen, wenn ein Altnazi in der Bundesfraktion solche Sprüche absondern und dann noch über die Armut defilieren darf. Sind es nicht solche Menschen, wie er, die mit daran Schuld tragen, das es zu dieser von der SPD künstlich erzeugten Armut gekommen ist? Hat Günter Grass, als Altnazi, nicht den Hartz IV-Kanzler bei dessen Bundestagswahlkampf unterstützt und hinterher nicht gegen die Agenda 2010 gewettert, sondern diese ebenfalls mitgetragen? Die deutsche SPD ist auf dem absteigenden Ast. Ihre Glaubwürdigkeit wird durch den Grass-Besuch in der Fraktion mehr als nur erschüttert. Und dies sollte einem zu Denken geben!

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